26
So, Jun
7 New Articles

Können einzelne Banken Geld aus dem Nichts schaffen? – Die Theorien und der empirische Beweis

Wirtschaft
Typography
  • Smaller Small Medium Big Bigger
  • Default Helvetica Segoe Georgia Times

Richard A. Werner freie Übersetzung – englisches Original erschienen im International Review of Financial Analysis 36 (2014)

Vorbemerkung der Übersetzer Die ehrenamtlichen Übersetzer weisen darauf hin, dass sich die Übersetzung aufgrund der speziellen Fachbegriffe zum Teil schwierig gestaltete. Auf jeden Fall haben die Übersetzer nach bestem Wissen und Gewissen versucht, die Aussagen der Studie von Prof. Richard Werner korrekt wiederzugeben. Sollten sich Satzkonstruktionen auf Deutsch teilweise holprig lesen, so ist das dem Umstand geschuldet, dass man sich um eine wortgetreue Übersetzung bemüht hat, wo immer das möglich war. Von einer Übersetzung der Fußnoten wurde abgesehen. Für die Fußnoten ebenso wie bei Zweifeln an der Korrektheit der verwendeten deutschen Begrifflichkeiten sei auf die englische Originalfassung verwiesen.

Zusammenfassung
Diese Studie präsentiert den ersten empirischen Beweis in der Geschichte zur Frage, ob Banken Geld aus dem Nichts schaffen können. Die Bankenkrise hat das Interesse an diesem Thema wieder neu aufleben lassen, aber die Frage blieb ungeklärt. Die Fachliteratur kennt drei Hypothesen. Nach der Finanzintermediär-Theorie sind Banken lediglich Vermittler wie andere Finanzinstitutionen, die keine Banken sind; demnach sammeln sie Einlagen, welche dann verliehen werden. Nach der TeilreserveTheorie sind Banken bloße Finanzvermittler, die individuell betrachtet nicht Geld schöpfen, während sie das im systemischen Zusammenspiel letztendlich doch tun. Eine dritte Theorie behauptet, dass jede einzelne Bank Geld „aus dem Nichts“ schaffen kann und zwar indem sie Kredit vergibt (die Kreditschöpfungstheorie). Die Frage, welche der Theorien richtig ist, hat weitreichende Implikationen für Forschung und Politik. Überraschenderweise gibt es trotz des langjährigen Streits bis jetzt keine empirische Studie, welche die Theorien überprüft hat. Diesen Beitrag liefert die vorliegende Studie. Ein empirischer Test wird durchgeführt, in dem das Geld von einer kooperationsbereiten Bank geliehen wurde, während durch Überwachung der internen Aufzeichnungen festgestellt wird, ob im Prozess der Kreditvergabe von anderen Konten innerhalb oder außerhalb der Bank Mittel transferiert wurden oder ob diese neu erschaffen wurden. Diese Studie stellt zum ersten Mal empirisch eindeutig fest, dass einzelne Banken Geld aus dem Nichts schaffen. Die Geldmenge wird „wie durch Zauberei“ von einzelnen Banken „aus dem Nichts“ geschaffen.

»Die Wahl des Wertmaßstabes, des Geldsystemes, der Geld- und Kreditgesetzgebung liegt in der Hand der Gesellschaft selber, und die Naturverhältnisse … haben eine vergleichsweise untergeordnete Bedeutung. Hier erhalten also die in der Gesellschaft maßgebenden Gelegenheit, das Resultat ihrer nationalökonomischen Weisheit – oder Torheit – direkt zu zeigen und zu erproben. Daß die letztere Eigenschaft dabei oft die Oberhand gehabt hat, das zeigt uns die Geschichte des Geldwesens, die voller großer, verhängnisvoller Irrtümer ist.«{1} Wicksell (1928, S. 2 ff)

1. Einleitung
Seit der amerikanischen und europäischen Bankenkrise von 2007/08 hat sich das Interesse an der Rolle der Banken in der Wirtschaft innerhalb und außerhalb der Fachkreise von Wirtschaft, Bank- und Finanzwesen erhöht. Dieses Interesse ist gut begründet: Durch die Krise ist das Bewusstsein dafür gestiegen, dass in den am häufigsten verwendeten makroökonomischen Modelle und Theorien angemessenen Beschreibungen entscheidender Merkmale unserer Volkswirtschaften und Finanzsysteme fehlen und vor allem: dass sie keine angemessenen Beschreibungen von Banken beinhalten.{2} Es liegt nahe, dass diese vorherrschenden, quasi banklosen Theorien Bankenaufsichten beeinflusst und zu suboptimaler Bankenregulierung beigetragen haben: Systemische Probleme aus dem Bankensektor können nicht erkannt werden, wenn in den ökonomischen Modellen keine Banken enthalten sind oder wenn Modelle des Finanzsystems nur einzelne, repräsentative Finanzinstitutionen betrachten, ohne diese entsprechend in makroökonomischen Modelle einzubetten.{3}

Folglich haben sich viele Forscher seitdem bemüht, Banken bzw. den Bankensektor in ihre ökonomischen Modelle einzubeziehen.{4} Dies ist eine positive Entwicklung und die europäischen Konferenzen über Banken und Wirtschaft (ECOBATE) leisten dazu einen Beitrag. Gezeigt hat sich das speziell beim zweiten Mal, auf der ECOBATE 2013, die am 6. März 2013 in Winchester Guildhall stattfand und vom Zentrum für Banken, Finanzen und nachhaltige Entwicklung der Universität von Southampton organisiert wurde. Da die Arbeit in diesem Bereich sehr vielfältig ist, zielt dieser Artikel darauf ab, zu einem besseren Verständnis der entscheidenden Merkmale von Banken beizutragen, was eine Einarbeitung in ökonomische Modelle erleichtern kann. Die Forscher müssen wissen, welche Aspekte der Banktätigkeit essentiell sind – vor allem die wichtigsten Eigenschaften, die Banken von anderen Finanzinstitutionen, die keine Banken sind, unterscheidet. Mit anderen Worten: Die Forscher müssen wissen, ob Banken in entscheidenden Aspekten einzigartig sind, und wenn ja, warum.

In dieser Studie wird die Frage der potentiellen  Fähigkeit der Banken, Geld zu schaffen, untersucht, welche ein Kandidat für ein zentrales Unterscheidungsmerkmal ist. Eine Überprüfung der Literatur identifiziert drei verschiedene, sich gegenseitig ausschließende Ansichten zu diesem Thema, jede von ihnen war etwa ein Drittel des 20. Jahrhunderts die vorherrschende Sichtweise. Die aktuell vorherrschende Ansicht ist, dass die Banken reine Finanzintermediäre sind, die Einlagen sammeln und weitergeben, genau wie andere Finanzinstitutionen, die keine Banken sind – ohne besondere Eigenschaften. Unterschiede zwischen Banken und Finanzinstitutionen, die keine Banken sind, werden als Feinheiten gesehen, die effektiv so minimal sind, dass sie bei Modellierungen oder für politische Entscheidungsträger irrelevant sind. So gedacht ist es zulässig, Wirtschaft ohne Banken zu modellieren. Diese Ansicht wird die Finanzintermediär-Theorie genannt. Sie ist die vorherrschende Sichtweise seit dem Ende der 1960er Jahre.

Etwa zwischen den 1930er und den späten 1960er Jahren war die vorherrschende Sichtweise, dass das Bankensystem „einzigartig“ sei, da die Banken im Gegensatz zu Finanzintermediären, im Kollektiv Geld schaffen können und zwar auf der Grundlage des Teilreserve- oder „Multiplikatormodells“. Trotz ihrer kollektiven Fähigkeit zur Geldschöpfung ist jede einzelne Bank nach dieser Sichtweise nur ein reiner Finanzvermittler, der Einlagen sammelt und weiterverleiht –  ohne die Fähigkeit, selbst Geld zu schöpfen. Diese Ansicht wird Teilreserve-Theorie genannt.

Es gibt eine dritte Theorie über die Funktionsweise des Bankensektors, welche in den ersten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts aufgekommen ist. Anders als bei der Finanzintermedär-Theorie und im Einklang mit der Teilreserve-Theorie behauptet diese, dass das Bankensystem neues Geld schafft. Jedoch geht sie weiter als letztgenannte und unterscheidet sich in einer Reihe von Punkten. Bei dieser Theorie wird argumentiert, dass jede einzelne Bank kein Finanzvermittler ist, der bei der Kreditvergabe Spareinlagen oder Reserven der Zentralbank weiterreicht, sondern den gesamten Kreditbetrag aus dem Nichts schafft. Diese Ansicht wird Kreditschöpfungstheorie genannt.

Die drei Theorien basieren auf verschiedenen Beschreibungen, wie Geld und Banken funktionieren und führen zu unterschiedlichen Regelwerken (für Banken). Interessanterweise wurde die Kontroverse über die Theorien nie beigelegt. Dadurch herrscht Verwirrung: Heute finden wir Zentralbanken – manchmal dieselben Zentralbanken, die verschiedenen Theorien anhängen; im Fall der Bank of England sind deren Bedienstete gleichzeitig Anhänger jeder der drei sich gegenseitig ausschließenden Theorien, was nachfolgend gezeigt werden wird.

Es spielt eine Rolle, welche der drei Theorien richtig ist – nicht nur für das richtige Verständnis und die korrekte Modellierung der Rolle von Banken in der Wirtschaft, sondern auch um überhaupt geeignete Bankenregulierungen gestalten zu können, die auf ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum ohne Krisen abzielen. Der moderne Ansatz zur Regulierung von Banken, so wie er spätestens seit Basel I (1988) umgesetzt ist, basiert auf der Annahme, dass die Finanzintermediär-Theorie richtig ist.{5} Bankenregulierungen, die auf adequates Eigenkapital von Banken setzen, selbst in antizyklischer Art und Weise, sind ungeeignet finanzielle Stabilität zu garantieren, wenn eine der beiden anderen Theorien richtig ist.{6} Die eigenmittelbasierten Ansätze für die Bankenregulierungen, wie sie vom Basler 2/37
Ausschuss für Bankenaufsicht in Form von Basel I und II umgesetzt wurden, hat uns bisher nicht vor großen Bankenkrisen geschützt.

Wenn die Finanzintermediär-Theorie keine genaue Beschreibung der Wirklichkeit ist, darf bezweifelt werden, dass Basel III und ähnliche nationale Ansätze zur Bankenregulierung (wie bspw. in Großbritannien) zweckmäßig sein werden.{7} Es ist daher von wesentlicher Bedeutung für die Forschung und für Bankenregulierer zu bestimmen, welche der drei Theorien eine genaue Beschreibung der Wirklichkeit ist. Empirische Beweise können verwendet werden, um die Qualität der Theorien zu überprüfen. Überraschenderweise ist eine solche Überprüfung bisher noch nie durchgeführt worden. Die vorliegende Studie leistet diesen Beitrag. Der nachfolgende Teil der Studie ist wie folgt aufgebaut: Abschnitt 2 gibt einen Überblick über die relevante Literatur, bei dem die Autoren danach klassifiziert werden, welcher der drei Theorien sie anhängen. Es wird ersichtlich sein, dass führende Ökonomen nachweislich für eine der Theorien Stellung bezogen haben. Im Abschnitt 3 präsentiere ich eine empirischen Überprüfung, die die Frage, ob Banken einzigartig sind und ob sie einzeln Geld „aus dem Nichts“ schaffen können. In der Sache geht es um die Durchführung einer „echten“ Kreditvergabe an den Forscher bei einer Bank, die bereit war, alle relevanten Vorgänge überwachen zu lassen und die Aufzeichnungen des  Buchhaltungssystemes zugänglich zu machen. Die Ergebnisse und einige Implikationen werden in Abschnitt 4 diskutiert.

2. Literatur zur Frage, ob Banken Geld schöpfen
Über die Rolle der Banken in der Wirtschaft ist im vergangenen Jahrhundert und darüber hinaus viel geschrieben worden. Oft haben sich die Autoren mit der Frage, ob die Banken Geld schöpfen, nicht beschäftigt, da sie einfach davon ausgehen, dass ihre bevorzugte Theorie wahr ist, ohne diese zu hinterfragen, geschweige denn, dass sie verschiedene Theorien verglichen hätten. Diese Literaturübersicht beschränkt sich auf Autoren, die sich direkt und explizit mit der Frage beschäftigt haben, ob Banken Kredit und Geld schöpfen können. Während Zeiten, in denen in Ländern der Autoren Banken Schuldscheine (Banknoten) herausgegeben haben, die als Papiergeld in Umlauf kamen, haben die Autoren selbstverständlich erwähnt, wenn auch nur nebenbei, dass die Banken Geld schaffen. In England und Wales, verbot der Bank Charter Act von 1844 den Banken „jedwede Verpflichtungen zu Geldzahlungen auf Forderung von Inhabern (von Bankpapieren) einzugehen“.

Damit endete Banknotenausgabe für die meisten Banken in England und Wales zugunsten der (bis 1946 offiziell in Privatbesitz befindlichen) Bank of England mit einem Monopol auf Banknotenausgabe. Währenddessen hat sich diese Praxis in den Vereinigten Staaten bis ins 20. Jahrhundert hinein gehalten (und sie wurde mit dem New York Free Banking Act von 1838 sogar ausgeweitet), sodass US-Autoren aus dieser Zeit die Banknotenausgabe als Beweis für die Geldschöpfungsfunktion der Banken sehen, was sich erst viel später ändert.{8} Zur Klarstellung: das Hauptziel dieser Studie ist, die Frage zu klären, ob Banken, die keine Banknoten herausgeben in der Lage sind, Geld und Kredit aus dem Nichts zu schaffen. Folglich werden frühere Autoren, die hauptsächlich über die Ausgabe von Papiergeld schreiben, hier nur am Rande erwähnt, auch wenn man sagen könnte, dass ihre Argumente auch für Banken gelten könnten, die keine Banknoten herausgeben. Dazu gehören unter anderem John Law (1705), James Steuart (1767), Adam Smith (1776), Henry Thornton (1802), Thomas Tooke (1838) und Adam Müller (1816), die entweder direkt oder indirekt sagen, dass einzelne Banken Kredit schöpfen (im Einklang mit der Kreditschöpfungstheorie).{9}

2.1 Die Kreditschöpfungstheorie
Einflussreiche frühe Autoren, die behaupten, dass einzelne Banken, die keine Banknoten herausgeben, Geld und Kredit aus dem Nichts schöpfen, schrieben vor allem in englischer oder deutscher Sprache, nämlich Wicksell (1898) und Wicksell (1907), Withers (1909), Schumpeter (1912), Moeller (1925) und Hahn (1920).{10} Die Überprüfung der Befürworter der Kreditschöpfungstheorie muss beginnen mit Henry Dunning Macleod vom Trinity College, Cambridge und Barrister at Law am Inner Temple.{11} Macleod verfasste ein einflussreiches zweibändiges Werk über das Bankwesen, es trägt den Titel The Theory and Practice of Banking. Es wurde in zahlreichen Auflagen bis weit ins 20. Jahrhundert publiziert (Macleod, 1855/56; die Zitate hier stammen aus der 6. Auflage 1905). In Bezug auf die Kreditschöpfung von einzelnen Banken, erklärt Macleod unmissverständlich, dass einzelne Banken Kredit und Geld aus dem 3/37

Nichts schöpfen, wann immer sie etwas tun, was „verleihen“ genannt wird:
»In der heutigen Zeit haben Privatbankiers aufgehört, Noten herauszugeben. Sie schaffen lediglich Kredit zu Gunsten ihrer Kunden, welcher durch Schecks beansprucht wird. Diese Kredite werden in der Bankersprache als Einlagen bezeichnet. Nun sind viele Menschen, die eine physische Banknote, die nur ein auf Papier aufgezeichnetes Recht ist, bereit, eine Banknote als Bargeld zu akzeptieren. Aber weil darüber wenig reflektiert wird, ist es schwierig für sie zu begreifen, was Einlagen sind. Sie akzeptieren, dass eine Banknote eine „Währung“ ist, aber sie begreifen nicht, dass ein Bankkredit ist genau in demselben Sinne gleichermaßen eine „Währung“ ist.« Macleod (1905, Band 2, S. 310)

»… Sir Robert Peel liegt ganz falsch mit seiner Annahme, dass Banker nur Darlehen aus bona fide Kapital geben. Dies wird vollständig in dem Kapitel über Banktheorie beschrieben, sodass wir unsere Leser nur daran erinnern müssen, dass alle Darlehen von Banken in erster Linie durch die Schaffung von Kredit gegeben werden.« (S. 370, Hervorhebung im Original)

weiterlesen im PDF >>> Download

Orginaltext: Englisch