von Mark Bartalmai und Nelja Oystrakh. Aktualisiert 10.08.2017 Ein ungewöhnliches Projekt über Menschlichkeit in unmenschlichen Zeiten. ignoti [iˈɲɔːti] m/f, ital. - Plural: die Unbekannten Uns fehlen im Moment die finanziellen Mittel für die englische Version von "Frontstadt", obwohl wir eine Einladung für Vorführungen und Vorträge an einer belgischen Universität haben (ohne Support wird das schwierig). Uns fehlen aktuell leider auch die Mittel, um den dritten und Film der Donbass-Trilogie drehen zu können. Aber die "43 Ignoti" lassen uns irgendwie keine Ruhe.
Was war passiert?
Im Sommer 2015 kam ein Mann auf uns zu. Wir waren damals für ein Interview im Außenministerium der DNR. Er sagte: "Es gibt dort einen kleinen Ort nördlich von Donezk. Dort liegen tote deutsche Soldaten in einer Garage." Ich war völlig überrascht. Das Thema interessierte uns zwar, doch wir schafften es nicht dorthin, weil der Film "Frontstadt Donezk" Priorität hatte.
Bis zum Sommer 2017.
Uns war nicht klar, was uns erwartete, aber für die Leute dort schien es wichtig zu sein. An einem heißen Tag vor einigen Wochen dann betraten wir ein unscheinbares Gebäude - die Militärkommandantur des kleinen Ortes nördlich von Donezk. Jemand erklärte uns, dass man einige Tote in einer Garage hinten auf dem Hof hätte, von denen man bis vor kurzem annahm, dass es sich um Italiener handelte. Irgendwann begriff ich, dass es sich NICHT um Tote des JETZIGEN Krieges handelte, sondern um Tote aus einem ganz anderen Krieg.
Ein kurzer Rückblick:
Im September 1941 drang die Heeresgruppe Süd der deutschen Wehrmacht bis ins Donezbecken vor. Unterstützt wurde sie dabei von italienischen und rumänischen Armeen. Eines ihrer Hauptziele war die Gegend um das heutige Donezk. Im Zweiten Weltkrieg wurde Donezk (damals Stalino) fast völlig zerstört. Von 28. Oktober 1941 bis zum 5. September 1943 stand Stalino unter deutscher Besatzung. Das brutale Vorgehen der Deutschen gegen die sowjetische Bevölkerung im Allgemeinen, und gegen alle Juden im Besonderen, hatte sich bereits im Sommer 1941 in der Stadt herumgesprochen – viele Einwohner flohen daraufhin nach Osten, statt unter deutsche Besatzung zu geraten. Knapp 200.000 Bewohnern (40 % der gesamten Einwohner), darunter auch sehr vielen Juden, gelang es zu fliehen, so dass im Oktober 1941 nur noch etwa 290.000 Menschen in der Stadt lebten. Von der verbliebenen Bevölkerung ermordete die deutsche Besatzungsmacht etwa 60.000 Menschen, davon 17.000 Juden.
73 Jahre später wird die Stadt erneut bombardiert - dieses Mal von den "eigenen Landsleuten" unterstützt vom Westen - auch und gerade von Deutschland. Allen voran sogenannte Freiwilligen-Bataillone, die Nazi-Kollaborateure wie Bandera heroisieren und die alten Insignien (wie SS-Runen und Hakenkreuze) auf ihren Uniformen tragen. Alles in allem haben die Einwohner in und um Donezk somit eigentlich nicht viel Grund, sich um die "alten" Toten, noch dazu der ehemaligen Okkupationstruppen, zu kümmern. Und doch - sie tun es! In einem Gespräch sagte mir Pawel von der Administration des Ortes - also nach den westlichen Medien der "Vertreter der Terroristen" - folgendes: "Wir wissen nicht, ob diese Soldaten faschistische Mörder oder Kriegsverbrecher waren. Wir wissen nur, dass es Söhne, Brüder und Väter - dass es Menschen waren. Und wir möchten, dass sie ihre Ruhe finden und in ihrer Heimat bestattet werden können." Das sagt ein Mann, der die Geister des letzten Krieges im jetzigen Krieg auferstehen sieht.
Diese Menschlichkeit ist einfach entwaffnend.
Wir standen also auf dem Hof und ich fragte, woher man denn nun wüsste, dass es sich um deutsche und nicht um italienische Soldaten handelte. Eine italienische Parlamentsdelegation, die vor Ort zu Besuch war, hätte das im Sommer 2015 so gesagt, bekam ich zur Antwort. Ich fragte, wie diese italienische Delegation das wissen konnte. Antwort: Das wisse man nicht. Ich hatte viele Fragezeichen im Kopf. Wir gingen nach hinten zur letzten Garage. Als sich das Tor öffnete, sah ich sie - 43 kleine Zinksärge in der hintersten Ecke gestapelt. Als sich meine Augen an das Dämmerlicht gewöhnt hatten, konnte ich handgeschriebene Worte auf den Särgen lesen und mir wurde schlagartig klar, woher zum Einen die Parlamentsdelegation wusste, dass es sich nicht um italienische Tote handelte und warum zum Anderen die Leute aus dem Dorf dachten, es wären Italiener.
Auf den Särgen stand das Wort "Tedesco" (ital. für "Deutsch").Wie es weitergeht? Wir erzählen es euch in Kürze. Ihr seid quasi live dabei. Helft uns, dass wir den Menschen dort helfen können, menschlich zu handeln. Helft uns, dass wir die Toten dort rausbringen können und eine Brücke zu schlagen zwischen den dortigen und den hiesigen Behörden. Helft uns, diesen kleinen Film zu machen und ein weiteres Mal zu zeigen, dass die "Terroristen und Unmenschen" in den Republiken, die "10.000 Gefangene zu Sklavenarbeit in Lagern zwingen" (ARD, Europamagazin "Ukraine: Straflager im Rebellengebiet?" von Golineh Atai) westlicher Propagandabullshit sind.
Bilder: Mark Bartalmai
43 Ignoti - Zwei Kriege | Eine Geschichte
Aktuell stockt das Projekt, obwohl wir bereits Kontakt zu den deutschen Behörden haben und diese an einer Lösung interessiert sind. Unser letzter Spendenaufruf hat 25,- EUR gebracht. Da steht alles in den Sternen...
Gott, wie ich das hasse, aber bitte unterstützt uns, sonst geht es nicht:
PayPal:
Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
paypal.me/kaceomedia
Postbank
Kontoinhaber: Ninel Oystrakh
IBAN: DE45760100850521412856
BIC: PBNKDEFFXXX