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Das Rentenkomplott Teil 3

Gesellschaft
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Die Rentenshow .... (2016 Vision-D/js)

Verehrte LeserInnen, willkommen zu Teil 3 unserer VISION-D Artikelserie „Das Rentenkomplott“.

Unsere Betrachtung in Teil 1 ergab, dass aus übergeordneter Sicht so etwas wie eine demographische Katastrophe praktisch nicht zu existieren scheint, wenn man die zweifelsohne absehbaren Veränderungen unserer Demographie im Lichte dessen sieht, was die Basis für unser gesamtes Wirtschaften darstellt: Wirtschaftswachstum. In Teil 2 der Serie legten wir dann detailliert unser Vorgehen dar, mit dem wir zu so völlig anderen Schlüssen in der Beurteilung der Rentenfrage gelangten, als der Mainstream in Politik und Medien. Zudem formulierten wir vier wichtige Fragen nach den Hintergründen für dieses offenbar konzertierte Vorgehen zur Zerstörung der Bürgervertrauens in die gesetzliche Rente.

Inzwischen scheint wenigstens die Opposition aufgewacht. Doch - wie die obige gespenstische Diskussion im ZDF vor etwa 2 Monaten demonstriert, beharrt der Mainstream weiterhin auf seiner schein-logischen Argumentation, dass die demographischen Veränderungen zwingend niedrigere Rentenhöhe zur Folge haben müssten. Dabei wird das Wirtschaftswachstum konsequent ausgeblendet - und man stellt Beitragzahler und Rentenempfänger im luftleeren Raum gegenüber. In der Diskussion lässt sich das Zusammenbrechen dieser neoliberalen Argumentationskette live verfolgen. Sarah Wagenknecht hält wacker dagegen und betitelt das Märchen von der demographischen Katastrophe zutreffend als das, was es ist: Eine interessengeleitete Lüge!


Was nun werden Sie hier erfahren...?

Eine quantitative Beurteilung von Rentenfragen ist stets kompliziert – in Deutschland zumal, wo die Altersversorgung der Bevölkerung aus zahlreichen Sonder- und Nebenwegen zusammen geschustert ist, die alle ihre Besonderheiten haben und insgesamt alles andere als Gerechtigkeit verwirklichen. Aus diesem Grunde können wir hier nicht, wie mehrfach betont, Einzelnen ihre möglichen oder absehbaren Rentenansprüche vorrechnen. Was wir aber können und mit dieser Artikelserie tun, ist, die Frage zu beantworten, inwieweit eine ordentliche Altersversorgung für unsere Gesellschaft „bezahlbar“ wäre und welche Faktoren hier tatsächlich entscheidenden Einfluss nehmen. Unsere bisherigen Aussagen bezogen sich immer auf die Variante 1 der letzten Bevölkerungsvorhersage von Destatis. Diese weist Daten ab 2013 aus und stammt - noch relativ frisch - aus dem Jahr 2015. Wie sich schon in Teil 1 zeigte, existiert KEIN anhaltendes Demographie-Problem, vielmehr hat unsere Volkswirtschaft das Potential, die Herausforderung locker zu schultern, selbst bei sehr bescheidener Wachstumsprognose. Nun stellt die Destatis Prognose aber nicht nur die Daten für ein Szenario bereit, sondern gleich für insgesamt 11 Szenarien, in denen man denkbare Einflussparameter auf die Rechnung ganz ordentlich variiert hat.


Die 11 Szenarien

Ganz kurz stellen wir Ihnen hier nun die Eckwerte dieser 11 Szenarien vor, für die Destatis Berechnungen publiziert hat:

die 11 szenarienAbbildung 1: Die Parameter der 11 Szenarien der destatis-Prognose

Mancher einer mag nun denken, was ist denn das für ein akademische Spielerei? Doch hier sei gewarnt – die von Destatis variierten Parameter scheinen recht realitätsnah gewählt und haben teilweise kräftige Auswirkungen auf die maßgeblichen Zahlen. Um dies zu unterstreichen, zeigt die nächste Tabelle eine Übersicht der hochrechneten Bevölkerungszahlen nach Altersgruppen im Jahre 2060 für die Szenarien:

die 11 bev hochrechnung
Abbildung 2: Der berechneten Altersgruppen in den 11 Szenarien der destatis-Prognose

Wie man unschwer erkennt, deckt die Prognose mit ihren Szenarien insgesamt einen beachtlichen Bereich der Bevölkerungsentwicklung ab – zwischen 60 und 86 Mio variieren die Ergebnisse für die Gesamtbevölkerung im Jahre 2060. Bei der Tabelle haben wir auf die Angabe der Altersgruppen zwischen 20 und den jeweils drei verschiedenen Altergrenzen verzichtet, da die Tabelle hierdurch deutlich größer und unübersichtlicher geworden wäre. Zudem ist diese Zahl aus der Formel „Gesamtbevölkerung - Gruppe<20 – Gruppe über der jeweiligen Altergrenze“ leicht ableitbar. Die Diskussion der Ergebnisse wollen wir besser in BIP-% vornehmen, da man von dort aus eine bessere Vorstellung über Geldsummen im Verlauf entwickeln kann.


Einfluss der Geburtenrate

In unserer Auswertung hat diese Variation keine Auswirkung – auch nicht bei dem doch sehr hohen Sprung auf 2,1 im Szenario W2.1. Gleiche Zahlen in Tabelle 2 unterstreichen dies – was auch logisch ist: die Prognose rechnet ab 2013 hoch – mithin würde ein da geborenes Kind erst frühestens 2073 die 60 Jahre überschreiten. Hiermit liegt es nicht dargestellten Bereich, sobald es die 20 Jahre überschritten hat. Unterschiede werden in den Zahlen für die Gruppe der unter 20-jährigen und die Gesamtbevölkerung sichtbar. Die Gruppenstärke jenseits der jeweiligen Altersgrenzen aber ändert sich allein durch eine Varation der Geburtenrate nicht und mithin bleibt Rentenbedarf im Rahmen der Prognose unabhängig von der Geburtenzahl. Da wir das BIP als weitgehend unabhängig von der Bevölkerungszahl annehmen entstehen auch hierdurch keine Änderungen im BIP-Anteil für die Renten.

Ein dauerhafter Durchschnitt der Geburtenrate bei 1,6 führt gemäß destatis zu einer Mehrbevölkerung von um 4 Mio – die sich sich im Zeitverlauf auf die unter 20-jährigen und diejenigen unterhalb aller Altersgrenzen verteilen. Dramatisch wirkt sich eine Geburtenzahl von 2,1 aus: hier ist die Bevölkerung 2060 um 18 Mio höher – davon über 10 Mio mehr in der Altersgruppe unter 20 Jahren. Soweit zu den Randbedingungen – wenden wir uns nun den Ergebnissen in Sachen Renten zu.


Einfluss der Renteneintrittsalters

Destatis hat für jedes Szenario die Gruppen der über 60-, 65- und 67-jährigen vorherberechnet. Hier sind deutliche Änderungen am Rentenbedarf zu erwarten – unsere Ergebnisse hierzu zeigt die

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Abbildung 3: Ergebnisse bei Variation des Renteneintrittsalters…

Das hat natürlich signifikanten Einfluss auf die Rentenkosten. Allerdings nimmt dieser mit der Zeit – durch fortschreitendes Wachstum – ab. Die Variation des Eintrittsalters im Szenario V1 ergibt sich eine Differenz von rund 73 Mrd zwischen Altergrenze 60 und Altersgrenze 67.

Eine überraschende Erkenntnis offenbart die hier hinzu genommene blaue Kurve: sie zeigt das Resultat gemäß dem Szenario w0 – was nichts anderes als V1 mit einem Wanderungssaldo 0 ist. Erstaunlicherweise zeigt sich hier, dass der Rentenbedarf bei Rentenbeginn mit 60 hierbei NIEDRIGER ist, als beim Wanderungssaldo 100.000 (rote Kurve), das dem Szenario V1 zugrunde liegt.

Der Vergleich der gelben und grünen Kurve vermittelt ein qualitatives Gefühl dafür, was der Unterschied zwischen Rente mit 65 und 67 ist: es geht um gut 20 Mrd. Eine doch recht übersichtliche „Einsparung“ im Vergleich zu dem, was das für Mio von Menschen kurz vor der Rente real bedeutet: nämlich weitere zwei Jahre in oft prekärer Beschäftigung, schon altersgemäß ohne nennenswerte Aussicht auf Besserung und folglich wegen geringer (oder gar keiner) Einzahlung weiterer sinkenden Rentenanspruch.

Die Variation von einem Wanderungssaldo 0 auf 100.000 verursacht vergleichbare Mehrkosten wie eine Beibehaltung des Renteneintrittsalters 65, wie Abb. 1 zeigt. Daher soll im nächsten Abschnitt der Einfluss des Wanderungssaldos näher betrachtet werden.


Einfluss des Wanderungssaldo

Hier stellt uns Destatis für das Szenario V1 gleich vier vergleichbare Berechnungsreihen bereit. Wie Abb.4 zeigt, summieren sich die Abweichungen erst über die Jahrzehnte auf – doch 2060 sind bereits rund 38 Mrd Mehrkosten für ein Wanderungssaldo von 300.000 jährlich gegenüber dem Szenario ohne Zuwanderung zu erwarten.

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Abbildung 4: Ergebnisse für die Variation des Wanderungssaldos…

Sicher – die Gesamtbevölkerung liegt auch teils deutlich höher – dennoch ist hier auch mit bereits erhöhter Inanspruchnahme der Rente durch Zuwanderer zu rechnen. Weitere Untersuchungen haben gezeigt, dass Zuwanderung im langen Prognosezeitraum IMMER zu höheren Kosten führt. Die Botschaft daraus: für die Annahme, der Zustand der Rente werde sich durch Zuwanderung verbessern, gibt es KEINE demographische Grundlage. Der Rest hierzu ist ihrem Wesen nach eine ökonomische Diskussion – im vierten Teil wird darauf eingegangen werden.

Einfluss der Lebenserwartung

Meist in einem Atemzug mit der angeblichen demographischen Katastrophe mitgenannt wird der Einfluss der steigenden Lebenserwartung. Im folgenden Diagram zeigen wir daher den Kostenverlauf für die Alterskonstellation 84,8/88,8 und 96,8/90,4 Jahre auf – jeweils mit dem Wanderungssaldo 100.000 und 200.000.

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Abbildung 5: Ergebnisse für die Variation in der Lebenserwartung…

Rund 30 Mrd liegen zwischen niedrigstem und höchstem Wert in 2060. Der Einfluss ist signifikant – er liegt über dem Einfluss des Wanderungssaldos – allerdings treten bei höherer Lebenserwartung die Mehrkosten höherer Zuwanderung auch deutlicher zutage. Kein Wunder – denn Zuwanderer nehmen ja auch an der höheren Lebenserwartung teil.


Einfluss der Rentenhöhe

Mit unseren 1000 (preisbereinigten!) Euro für jeden jenseits der entsprechenden Altersgrenze liegen wir zwar im Vergleich zu den aktuellen erwartbaren Rentenansprüchen schon recht hoch. Allerdings kann da von Komfortabilität noch keine Rede sein. Wenn wir schon dabei sind – schauen wir doch mal, was es kosten würde, jeden mit 1200 oder gar 1400 Euro Rente auszustatten – und stellen das der traurigen Aktualität gegenüber, in der immer mehr Rentner – trotz späteren Renteneintritts - nicht mal mehr die Grenze von 800 Euro Monatsrente überspringen:

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Abbildung 6: Variation der angenommenen durchschnittlichen Rentenhöhe…

Es zeigen sich ähnliche Kurvenverläufe, bei denen in 2060 jeweils ~53 Mrd zwischen den einzelnen Kurven liegen, allerdings konvergieren diese leicht – d.h. bei fortgesetzten Wachstum sinken die Prozentzahlen. Man kann daraus ableiten, dass nach unserer Rechnung 100 Euro mehr an Rente in 2060 ca. ~ 26 Mrd mehr an Gesamtkosten ausmachen.

Wenig überraschend geht es hier um hohe Beträge. Dennoch macht gerade dieses Bild deutlich, welch gravierendes Problem insbesondere Luxusversorgungen darstellen – insbesondere wenn sie aus öffentlichen Mitteln gewährt werden, wie bei hohen Beamten und erst recht bei den Politikern – die liegen nämlich weitaus höher als der Höchstwert 1.400 Euro im Monat.


Fazit und Zwischenstand

Abb.4 lässt kaum noch Zweifel zu: Das Problem ist für die Rentenversicherung letztlich ein existenzielles: Wenn gut verdienende Kreise sich weiter aus der Finanzierung der eigentlich gesamtgesellschaftlichen Aufgabe Altersversorgung mehr und mehr zurück ziehen – läuft das kurz über lang darauf hinaus, dass die Renten der Armen zunehmend von den mittleren und niedrigen Einkommen finanziert werden. Dass ein Solidar-System so nicht funktionieren kann, sollte keine Neuheit darstellen.

Neu hingegen ist, mit welcher Unverfrorenheit genau dieser Weg immer noch weiter beschritten wird – und zwar auf der Seite jener Akteure, die von den wahnwitzigen Auswirkungen ihrer Taten regelmäßig NICHT betroffen sind. Sie können sich, meist getragen von öffentlicher finanzierter Luxusversorgung auf einen wunderbaren Lebensabend freuen – während ihr zuvor erbrachter „Dienst“ an der Gemeinschaft insbesondere bei Politikern beispielsweise darin bestand, jene Massen, deren Arbeit letztlich die Hauptquelle aller wirtschaftlichen Leistung und des Wachstums war, im Alter an und unter den Rand des Existenzminimums zu drängen.

Das dahinter aufziehende Gerechtigkeitsproblem ist evident – und beschränkt sich keineswegs nur auf Politiker und Spitzenbeamte. Beitragsbessungsgrenzen erlauben es Hochverdienern, sowohl im Angestelltenbereich wie bei den Selbstständigen, sich ganz aus der gesetzlichen Rentenversicherung zurück zu ziehen. Hierdurch wird dafür gesorgt, dass gerade die „Gewinner“ der neoliberalen Politik wenig bis überhaupt nichts mehr zur allgemeinen Altersversorgung beitragen. Das potemkinsche Dorf „Bundeszuschuss“ zur Rentenversicherug hatten wir ja bereits in Teil 1 hinreichend auseinander genommen. Was da aus Steuermitteln als Ausgleich in die Rente fließt, deckt nicht wirklich deren durch politische Maßnahmen verursachte Mehrbelastungen – ergo kann man sich damit auch nicht „herausreden“ nach dem Motto: Hochverdiener trügen über ihre Steuern indirekt zur Rente bei.

Die ebenfalls überdurchschnittlich verdienenden Freiberufler (Ärzte, Anwälte etc.) unterhalten eigene Versorgungswerke, in denen sie zwar ähnliche Zahlungen zu leisten haben wie gesetzlich Versicherte. Diese Einrichtungen haben jedoch eine völlig andere Kostenstruktur. Man bleibt unter sich – Arbeitslose und andere Sozialfälle finden dort kaum statt – mithin sind die Leistungen dort natürlich BESSER.

Anders bei kleinen (oder in Teilzeit beschäftigten) Beamten. Angemessene „Privatvorsorge“ ist für diese oft unerreichbar – weil das Gehalt dies einfach nicht hergibt. Zwar hat man sie bei weitem noch nicht so massiv geschröpft, wie die Beitragszahler der DRV – aber auch ihre Altersbezüge schrumpfen und aktuell sehen sie sich zudem oft mit horrenden Beiträgen zu ihrer meist notwendigen privaten Krankenversicherung konfrontiert.

Noch härter trifft es kleine Selbstständige – diese können oft schon die Mindestbeiträge zu Krankenversicherung nicht aufbringen – Geld für eine angemessene private Altersversorgung ist da schon gar nicht da. Viele müssen aufgeben – und landen dann mit einer durchlöcherten Berufsvita ganz am Ende der kargen Futterkette in der inzwischen mehr und mehr zur Armutsverwaltung mutierenden Rentenversicherung.

Doch unsere Eliten verfolgen diesen Weg der systematischen Altersverarmung unbeirrt weiter. Überdies haben unsere Berechnungen auch gezeigt: Für die so gerne verwendete Argumentation, wir brauchten die Zuwanderung dringend – u.a. um die Rente kommender Generationen zu sichern, gibt es aus demographischer Sicht KEINE Grundlage. Im Gegenteil – ein Großteil der aktuellen Zuwanderer wird sein hiesiges Arbeitsleben wenn überhaupt eher im prekären Bereich verbringen – und damit unter dem Strich die Rentenversicherung eher belasten als stützen. Für das Gerechtigkeitsempfinden in der breiten Bevölkerung noch fataler als das ist, dass genau jene Eliten uns dies einbrocken, die selbst von den Folgen nicht betroffen sein werden – und daher relativ unbekümmert nichts unversucht lassen, die Rentenversicherung in nahezu jeder Hinsicht noch weiter zu demontieren.

Mit diesem Teil 3 liegt nun in den Grenzen dessen, was die Bevölkerungsvorhersage von destatis hergibt, zumindest grobe qualitative Einordnung darüber vor, was es konkret bedeutet, wenn von Verlängerung der Lebensarbeitszeit, steigender Lebenserwartung, Senkung von Rentenbeiträgen oder von einer ab immer geringeren Höhe erfolgenden Rentenbesteuerung (was in sich nichts anderes ist ein Euphemismus für Rentensenkung…) die Rede ist. Wir konnten hier – auf einer einheitlichen und bestens beleumundeten Basis (destatis) nachweisen, wie wenig Fleisch am Großteil der in der Rentendiskussion unablässig wiederholten Mantras zur Demographie ist. Sicher spielt die Demographie eine Rolle – wer wollte das bestreiten – aber bereits hier schon sollte feststehen: diese wird vorsätzlich und missbräuchlich ÜBERTRIEBEN.

Noch zu leisten bleibt jetzt die Diskussion um die Einzahlungen und deren Entwicklung sowie die Gesamtbewertung. Beides macht nur Sinn im Rahmen einer ökonomischen Diskussion – und darauf aufsetzend geht es mit der Rente letztlich um eine der entscheidensten gesellschaftspolitischen Fragen überhaupt. Für den kommenden, letzten, Teil haben wir bereits einige wichtige Fragen aus Teil 2 im Gepäck, denen wir - dann vor allem in ökonomischer und politischer Hinsicht - nachgehen werden (js).