Es besteht kein Zweifel für mich, daß der Liberalismus der Hauptfeind ist. Ich dachte so bereits zur Zeit des sowjetischen Kommunismus (der letztlich nur ein Staatskapitalismus war), und ich denke es noch heute, zu einem Zeitpunkt, an dem die liberale Ideologie in einem globalen Maßstab gewissermaßen die Hauptideologie geworden ist, deren drei Pfeiler Kapitalismus, Religion der Menschenrechte und Marktgesellschaft sind.
Was ist Liberalismus? Das ist die Ideologie, die ihren Ursprung in der Philosophie der Aufklärung besitzt (aber deren Wurzeln viel weiter zurückreichen), die das Individuum und seine „natürlichen“ Rechte als die einzigen normativen Instanzen des Lebens in der Gesellschaft ansehen, was darauf hinausläuft, das Individuum zur alleinigen Quelle der Werte und der Lebenszwecke zu erheben, die es auswählt. Dieses Individuum wird für sich betrachtet, jenseits jeden sozialen oder kulturellen Kontexts. Deshalb erkennt der Liberalismus keine eigenständige Stellung von Gemeinschaften, Völker, Kulturen oder Nationen an.
Arthur Moeller van den Bruck hat schon 1922 festgestellt: „An Liberalismus gehen die Völker zugrunde.“ Im Liberalismus hat das Individuum Vorrang, sei es, daß man aufgrund einer mythischen Vorstellung annimmt, daß es dem Sozialen in einem prä-historischen Naturzustand vorausgegangen ist, sei es, daß man ihm ein einfaches normatives Primat zuspricht (das Individuum ist das, was am meisten zählt). Der Mensch nimmt sich also als Individuum wahr, ohne seine Beziehung zu anderen Menschen inmitten einer primären oder sekundären Sozialität bedenken zu müssen. Er ist ein Subjekt, das nur sich selbst gehört, Schöpfer seiner selbst aus dem Nichts, motiviert allein durch seine Sonderinteressen, unterm Strich ein Homo oeconomicus, da er als egoistisches Wesen begriffen wird, das einzig und allein auf die Maximierung seines rationalen Vorteils gemäß seiner persönlichen Interessen aus sei. Das soziale Leben erschöpft sich also in nichts anderem als in dem Utilitarismus und der Axiomatik des Eigeninteresses. Es ist nichts weiter als eine Angelegenheit von individuellen Entscheidungen und interessensgeleiteten Wahlen.
Sie werden nebenbei merken, daß der Liberalismus selbst die Spaltung Links-Rechts transzendiert, da es immer eine liberale Linke und eine liberale Rechte gegeben hat. Historisch gesprochen hat sich der wirtschaftliche Liberalismus (das heißt der Kapitalismus) besonders rechts manifestiert, während der gesellschaftliche Liberalismus sich besonders links manifestiert hat. Es macht Sinn, daß diese zwei Liberalismusformen heute dazu neigen zu fusionieren.
- Alain de Benoist